Anonyme Weblog-Schreiber

Wenn ich mir so die Anmeldungen anschaue, die bei blog.ch hereinflattern, habe ich den Eindruck, es würden immer mehr anonyme Blogs eröffnet. Zum Teil sind sogar die Anmeldungen anonym: Ungültige bzw. nichtssagende E-Mail Adressen, Unsinn im Feld „Name“, und wenn ich den Blog dann anschaue, sind dort auch keinerlei Angaben zur Person.

Klar, das kann man. Das darf man. Mir kann es im Prinzip egal sein. Aber ich frage mich schon, weshalb immer weniger Leute bereit sind, zu ihrer Meinung zu stehen.

Bezeichnend ist dann ja auch, dass viele (keineswegs alle!) anonyme Blogs äusserst aggressiv und beleidigend sind. Dasselbe gilt für anonyme Kommentare.

Das wird wohl der Grund sein, warum sie anonym sind. Oder steckt mehr dahinter?

schreibt Matthias Gutfeldt, der das grösste (? einzige?) Schweizer Weblog-Portal blog.ch betreibt, in seinem Weblog.

Immer weniger Leute sind bereit, zu ihrer Meinung zu stehen – das ist eine mögliche (und plausible) Antwort. Eine andere, weitergedachte wäre: Die Konsequenzen, die man zu tragen bzw. zu befürchten hat, wenn man deutlich Stellung nimmt, haben ein Ausmass angenommen, die es zumindest verständlich machen, dass man anonym bleiben möchte. Das als Gedankenanstoss …

11 Antworten auf „Anonyme Weblog-Schreiber“

  1. Gerade heute gelesen: Eine Bloggerin blitzt in einem Vorstellungsgespräch ab, weil der Personalchef ihr Aussagen aus ihrem öffentlichen Tagebuch unter die Nase hält.

    Das Web ist weit und das Leben kurz. Niemand weiss, wann er auf was reduziert werden kann, was er irgendwann irgendwo gesagt hat. Jedem muss das Recht zugestanden werden, seine Persönlichkeit zu schützen.
    Jeder sollte sich aber auch bewusst sein, dass kein Statement ohne Folgen bleibt und darum immer aus dem Moment heraus authentisch und ehrlich sein sollte.
    Gerade Anonymität sollte dem Inhalt also förderlich sein – und der Ehrlichkeit. Und nicht das Gegenteil!

    Thinkabout – also auch ein „Anonymer“

  2. Es gibt auch bloggende Leute, die im realem Leben in der Öffentlichkeit stehen und deshalb sehr genau darauf acht geben müssen, was man sagt. So ist es zum Beispiel bei mir. Anonymes Bloggen befreit mich vom Unbehagen, immer Leuten angegriffen zu werden, wodurch ich etwas freier die Meinung sagen kann.
    Der Nachteil ist aber, dass man über gewisse Themen nicht schreiben kann, da ansonsten die Gefahr besteht, dass die Anonymität auffliegt.
    Aber ich möchte das Bloggen nicht mehr missen, denn es sind daraus unbestritten sehr nette Kontakte entstanden und interessante Meinungen (freundlich!) ausgetauscht worden.

    Ein in gewissen Kreisen in der Öffentlichkeit stehender Anonymer

  3. @thinkabout,
    hast Du dazu eine Quelle? Nach meiner Erfahrung haben Personaler gar keine Zeit, im Privatleben der BewerberInnen herumzuschnüffeln; und wenn sie’s doch tun, würde ich bei der Firma ehrlich gesagt nicht arbeiten wollen.

  4. @Marcel, bzgl. Weblog-Portal: Es gibt natürlich noch das viel ältere http://swissblogs.com/, welches ich seit kurzer Zeit auch betreue. Und die vielen internationalen Verzeichnisse können z.T. auch nach Land sortiert werden. Einige dieser Verzeichnisse habe ich hier aufgelistet (mit Link in die „Switzerland“ Kategorie).

  5. @ Thinkabout:

    […] authentisch und ehrlich sein sollte. Gerade Anonymität sollte dem Inhalt also förderlich sein – und der Ehrlichkeit. Und nicht das Gegenteil![…]

    Da bin ich zu 95% einverstanden! Die fehlenden 5% kommen daher, dass sich Nicht-Anonymität und Authentizität sowie Ehrlichkeit (in der Regel) nicht gegenseitig ausschliessen.

    @ Anonymer:
    Ihre Aussage stützt meine zweite im Beitrag genannte Erklärung, weshalb anonym gebloggt wird. Womit allerdings nicht gesagt ist, dass es alle anonymen Schreiber aus solchen Motiven heraus tun (tun müssen).

    @ Matthias:

    Nach meiner Erfahrung haben Personaler gar keine Zeit, im Privatleben der BewerberInnen herumzuschnüffeln; und wenn sie’s doch tun, würde ich bei der Firma ehrlich gesagt nicht arbeiten wollen.

    Ich (früher während 3 Jahren als Personalberater in der Kaderrekrutierung tätig) sehe das doch etwas anders:

    • wenn ein Kandidat/eine Kandidatin in den Bewerbungsunterlagen die URL der eigenen Website angegeben hat, habe ich mir immer die Zeit genommen, mir auch dort einen Eindruck von der Person zu verschaffen.
    • Privatleben (bzw. Persönlichkeit) und Berufsleben können und sollen nicht getrennt werden, schon gar nicht in der Rekrutierung. Die Persönlichkeit ist häufig entscheidender als der fachliche Hintergrund (siehe auch mein Artikel: Soft Skills als wichtiges Kriterium in der Bewerberauswahl)
    • Als Herumschnüffeln würde ich solche Recherchen nicht bezeichnen; solange sie transparent gemacht werden. Und: wenn ich in meinen Bewerbungsunterlagen winke „Schau mal, hier ist meine Website“, dann darf ich mich nicht wundern, wenn darin nachgelesen wird!

    Wobei ich auch meine Zweifel daran habe, dass die von Thinkabout erwähnte Geschichte so stimmt. Nur weil jemand bloggt, wird er/sie als Bewerber sicher nicht abgelehnt. Ausser er/sie würde – dümmlicherweise! – massiv Stellung nehmen gegen das Unternehmen, bei dem er/sie sich bewirbt ;-)

  6. Stimmt, wenn jemand eine Site angibt, dann damit sie angeschaut wird; in dem Fall wird man auch klug genug sein, nichts allzu problematisches auf dieser Site unterzubringen :-). Für mich klang es aber so, als hätte der Personaler die Person gegoogelt, ohne dass sie eine Website angegeben hat. Vielleicht hat thinkabout ja einen Link zur Story.

  7. man stelle sich vor, Frau X blogt in ihrem Blog als Frau X und schreibt Tagebuch. Über Ihren bestehenden Job, den Frust, ihre Einschätzung zum Arbeitgeber, etc.
    Sie schreibt häufig. Suchmaschinen lieben Seiten, die häufig ein update erfahren.
    Der Herr Personalchef ist neugierig auf die Person, sonst würde er sie ja nicht zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Warum also vor dem Gespräch, nur der Neugier gemäss, mal rasch Googeln?
    Jeder kann die Probe aufs Exempel machen. Einfach mal den eigenen Blogbetreiber-Namen bei Google eingeben und los!
    Mein Beispiel:
    Bei Google.ch: Mein Blog ist Platz 1 unter 48’000 gefundenen Einträgen…
    Oder Marcel Widmer:
    Platz 8 unter über 130’000 Einträgen verweist auf Deine Seite und auf jobblog

    Wie gesagt, ich habe die Geschichte auch nur gelesen. Aber sie ist sicher plausibel.

    Thinkabout

    Noch etwas: Das Blog hier ist wunderschön gestaltet!

  8. Noch etwas: Das Blog hier ist wunderschön gestaltet!

    Danke fürs Kompliment – das freut mich sehr!

    Mein Hang zum Schönen und mein Perfektionismus siegen immer wieder. Oft auch zu Lasten eines vernünftigen Schlafpensums. Aber das ist OK so für mich :-)

  9. natürlich blogge ich auch und mittlerweile anonym

    auch: ich betreibe ein „offizielles“ Blog mit politisch und wirtschaftlich korrekten Einträgen. Man könnte auch sagen fachlich und opportunistisch,

    mittlerweile; Anfangs hab ich unter meinem Namen etwas naiv gebloggt, zwei Erlebnisse haben mich eines besseren belehrt.
    1). der Auftrag eines Kunden machte mich mit den gängigen Techniken der Datensammlung, Datenspeicherung und Präsentation vertraut. Habe meinen Namen aus Neugier mal durch die Maschienerie geschickt, Oh Schreck, Danke
    Durch allerlei Verknüpfungen brachten die Tools meinen Namen in Verbindungen die technisch nicht falsch aber inhaltlich einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen. Das Risiko möchte ich in Zukunft minimieren
    2) im Internet treiben sich mittlerweile auch immer mehr Stalker rum. Vielleicht werden einige Leute auch durch die aktuelle Presse erst auf die Idee gebracht.
    Ein Berufskollege hat so eine Klette seit ein paar Monate. Es nervt und kostet trotz wirklich guter Unterstützung durch Polizei und Gericht ungeheuer viel Kraft sowas wieder loszuwerden

  10. Hi,
    wenn es in der Schweiz erlaubt ist ein Weblog oder Webseiten ohne Angabe des Herausgebers zu betreiben, dann dürft ihr Schweizer STOLZ darauf sein!
    Denn nur so wird das Grundrecht auf freie Meinung gewahrt.
    In Deutschland MUSS jeder seine Daten per Impressum veröffentlichen, sonst gibt es Ärger. Meinungsfreiheit wird so eingeschränkt – denn wer sich öffentlich an den Pranger stellen muss (gekennzeichnet ist, das hatten wir schon mal…), überlegt sich dreimal, was er schreibt
    In Deutschland entstehen deshalb immer mehr Weblogs für anonyme Blogger
    Ein ganz neu eröffnetes findet Ihre unter http://www.anonymeblogs.de

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