Vier Monate sind seit der ersten Diagnose vergangen. Die erste Operation hat leider einen schlechten Befund gebracht. In der zweiten Operation vor ein paar Tagen sind nun Gebärmutter, Eierstöcke und die Hälfte der Lymphknoten entfernt worden. Ob der Befund endlich das Ende dieser furchtbaren und belastenden Zeit bedeutet?

Samstag, 1. März 2014

Die Skilagerwoche in St. Moritz ist für N. schon wieder vorbei. Kurz nach Mittag kann ich sie auf dem Parkplatz der Kantonsschule abholen. Müde ist sie, aber glücklich – es war genauso cool, wie sie es erwartet hat. Trotzdem möchte sie so schnell wie möglich zu P. ins Spital. Der Besuch im Spital ist nicht einfach für N., zwiespältige Gefühle: Mami wieder zu sehen ist schön, Mami mit diesen Schmerzen und moralisch angeschlagen zu sehen, ist es nicht. Aber N. ist tapfer.

Montag, 3. März 2014

Am Montag ruft Dr. S. (der Gynäkologe, der P. operiert hat) P. an: er erhalte morgen die Histologie und käme dann gegen 18:00 Uhr zu P. ins Spital. Dann können wir uns alle im Spitalzimmer treffen und den Befund sowie das weitere Vorgehen besprechen. Wir gehen davon aus, dass durch die OP alles erledigt sei. Und dennoch spüren wir – neben Zuversicht – auch Angst. Angst, dass es doch noch nicht überstanden sein könnte.

Dienstag, 4. März 2014

Unsere N. hat diese Woche noch Schulferien und will mit einer ihrer Freundinnen nach Zürich, Shopping. Das trifft sich gut: wir vereinbaren, dass sie am Abend um ca. 17:30 Uhr zu uns ins Spital kommt. Sie will und soll bei der Besprechung dabei sein.

Ich fahre für einen Coaching-Termin ins Büro. Ich bin noch immer bei uns im Dorf, da klingelt mein Handy: Dr. S. Er habe den Befund gelesen, es sei wieder Krebs gefunden worden. Ich schreie: «Scheisse! Scheisse!! Scheisse!!!» Gedankenblitze: N. zu Hause «abfangen»! Stirbt P.? Wie weiter? Sofort dem Kunden absagen.

Ich fahre sofort zurück nach Hause, rufe unterwegs den Kunden an. Unsere N. ist noch nicht auf dem Weg – zum Glück. Wir sitzen auf ihrem Bett. Weinen. Drücken uns. Weinen endlos. Meine Gedanken überschlagen sich: Spital, reicht unsere Energie noch für einen längeren Weg, wie will ich das machen mit meiner Firma, meinen Kunden, erträgt unsere Tochter das Leid? Als Vater zerreisst mir fast das Herz – wieso muss unsere N. das auch noch durchstehen (sie hat leider schon viele Todesfälle erleben müssen), sie hat doch ein so glückliches Leben, wieso nur?

Um 10:30 Uhr fahren wir ins Spital, wissend, dass P. sofort merkt, was los ist, wenn wir schon jetzt kommen. Und so ist es dann auch: «Sind Ihr scho da? Säg jetzt nöd …» Ihr entsetztes, Angst erfülltes Gesicht werde ich nie mehr vergessen! Wir liegen uns (so gut es nach der Operation halt geht) in den Armen. Weinen, schimpfen, wissen nicht, was wir denken sollen, fühlen uns so leer – viele elend lange Minuten. Dann meldet sich die Vernunft: «Jetzt müssen wir erstmal die Besprechung mit dem Arzt abwarten. Vielleicht ist’s ja mit der in einem früheren Gespräch angedeutete Bestrahlungs-/Chemo-Therapie zu lösen.», sage ich. Das hilft uns, wieder etwas Boden unter die Füsse zu bekommen. Wir sitzen minutenlang da. Immer wieder Tränen, ungläubiges Kopfschütteln. Später rufe ich P.s Schwestern an und bitte die ältere, zu ihrer Mutter zu fahren und ihr vom negativen Bescheid zu erzählen und sie zu stützen. Unsere beiden Neffen rufe ich auch an (glaube ich zumindest, bin mir im Nachhinein nicht mehr ganz sicher).

Um 12:15 Uhr trifft Dr. S. ein. Es sei ein weiteres Karzinom in einem der entfernten Lymphknoten festgestellt worden, aber «Machen Sie sich keine Sorgen, sie überleben das.» (was soll er auch anderes sagen …?). Er berufe in den kommenden Tagen ein Tumorboard ein, in dem er sowie die Onkologen und Radio-Onkologen die Therapie besprechen und festlegen würden. Es sei vermutlich eine etwa sechs Wochen dauernde Bestrahlungs- mit einer ergänzenden Chemo-Therapie (mit Cisplatin, zur zusätzlichen Unterstützung der Bestrahlung). Es sei eine kurative Therapie, eine Therapie zur Heilung (nicht palliativ, schmerzlindernd). Obwohl wir gedanklich noch immer wie im Nebel sitzen, schöpfen wir jetzt wieder Hoffnung: Dann gehen wir halt den etwas längeren Weg bis zur Genesung von P. Das schaffen wir auch!

N. und ich bleiben lange bei meiner Frau im Spital. Im Laufe des Nachmittags wird P. müde und möchte schlafen. Zeit für uns, nach Hause zu gehen. Zeit, in der N. und ich den heutigen Bescheid noch weiter besprechen können. Und weinen können, ohne P. gegenüber aufmunternd-tapfer sein zu müssen.

Mittwoch, 5. März 2014

«Ich vermisse Euch und Eure Stimmen so sehr – ich will jetzt nach Hause», sagt P. um ca. 09:00 Uhr am Telefon. «Das ist eine gute Idee», sage ich. Nach diesem Bescheid bringt’s ihr wirklich nichts mehr, im Spital zu bleiben. Wir haben ja gehofft, dass mit dieser OP alles erledigt sei und sie einfach noch ein paar Tage länger zur besseren Erholung im Spital bleiben würde. Ich lasse N. noch schlafen (schliesslich sind Ferien) und hole P. um 10:00 Uhr ab.

Wir wissen, dass P. zuerst die Operation abheilen lassen muss, erst dann kann mit der Therapie begonnen werden. Dennoch sprechen wir darüber, wie uns in unserem Leben für die kommenden Wochen und Monate einrichten müssen. Unsere Tochter, P.s Aufgabe als Schulsekretärin, meine Firma und meine Kunden. Und immer wieder die Fragen zur Therapie. Angst und Zuversicht vermischen sich mit Rationalem – in dieser Heftigkeit ein ungewohnter Cocktail.

Montag, 10. März 2014

Heute, zwölf Tage nach der Operation haben wir einen Termin bei Dr. S.. Wir sprechen über die Details zur bevorstehenden Therapie. Und wir fragen, ob man nach der Therapie irgendwie diagnostizieren könne, ob P. dann krebsfrei sei. «Nein, das kann man nicht. Aber das wird schon gut. Wenn Sie in fünf Jahren noch leben, dann wissen Sie, dass Sie geheilt waren.» Erstaunlicherweise trifft uns diese Aussage in diesem Moment nicht besonders. Wir waren bereits davon ausgegangen, dass es keine diagnostischen Möglichkeiten gebe, um 100%ig sicher zu sein, das P. krebsfrei ist. Zum Schluss entfernt Dr. S. die 25 (!) Metallklammern von der Narbe. P. jammert ein wenig – das hilft, wir beide können wieder etwas lachen.

Zu Hause beginnt der Alltag nach der schweren Operation. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen – das wird nicht einfach sein, aber ich schaffe das neben meiner beruflichen Arbeit und mit N.s Hilfe. Wäre doch gelacht! Fürs Bügeln, das Bad/WC-Putzen und den Wochenkehr bekommen wir Unterstützung durch die Spitex, 3 Stunden wöchentlich sollten reichen.

Mittwoch, 12. März 2014

Ich realisiere, dass ich sorgsam mit meinen eigenen Bedürfnissen umgehen und aufpassen muss. Von dem her passt’s perfekt, dass für heute wieder ein Termin bei meinem Coach in der Agenda steht. Wo ich üblicherweise beruflich-persönliche Themen besprochen werden, liegt das Thema für heute auf der Hand. Es tut mir extrem gut, offen über die Situation, meine Ängste, meine Verantwortung usw. zu sprechen. Frei drauflos, ohne abzuwägen zu müssen, ob meine Gedanken bei P. oder N. die Ängste verstärken oder den Glauben an die Heilung erschüttern könnten. Im Gespräch mit meinem Coach darf ich feststellen, dass ich in dieser nicht alltäglichen Herausforderung häufig das Richtige tue. Das beruhigt mich. Und freut mich! Wenn nur die Situation drumherum auch so erfreulich wäre …

Freitag, 14. März 2014

Ich habe einen kurzen Termin bei unserem Hausarzt, um Medikamente für P. abzuholen. Wie immer nimmt sich Dr. W. Zeit für ein Gespräch. Er erwähnt dabei eine neuere Methode, mit der unter bestimmten Bedingungen Krebs sichtbar gemacht werden könne, «PET-CT» heisse die. Er lässt die Diagnose/Histologie von P.s Krebsbefunden kommen und prüft dann, ob eine PET-CT-Diagnose bei P. Sinn mache und durchgeführt werden können. Er werde uns wieder informieren, sobald er mehr weiss.

Donnerstag, 20. März 2014

Drei Wochen nach der Operation hat P. endlich und zum ersten Mal wieder einen Termin, der nichts mit ihrer Krebserkrankung zu tun hat (wenn auch diese vermutlich ein grosses Thema sein wird). Ein mehr oder weniger regelmässiger, privater Abend unter den Schulsekretärinnen des Bezirks. «Ich hole Dich zu Hause ab.» und «Sobald Du Dich nicht mehr wohl fühlst, fahre ich Dich nach Hause, auch wenn ich mein Essen stehen lassen muss!». Berührend, wie sich die Kolleginnen um P. bemühen und ihr diesen Abend so schön wie möglich machen wollen. Sie wollte eigentlich nur zur Vorspeise bleiben. Das Plaudern im Kreis von lieben Kolleginnen tut ihr gut – sie bleibt bis zum Dessert :-)

Der Weg zur Therapie

Freitag, 21. März 2014

Heute beginnt für uns der unbekannte Weg zur Krebstherapie. Die erste Besprechung im Zürcher Stadtspital Triemli mit Dr. K. (stv. Chefarzt/leitender Arzt Radio-Onkologie) ist nicht einfach. Uns quälen Fragen: Was passiert die nächsten Wochen? Wie sind die Heilungschancen? Wird P. körperlich und/oder psychisch unter der Therapie leiden? Fragen über Fragen. Aber wir sind sehr positiv überrascht: Dr. K. ist sehr einfühlsam, nimmt sich enorm viel Zeit (wir sind insgesamt 2 Stunden bei ihm) und nie bekommen wir das Gefühl, dass wir einfach ein weiterer Fall seien – im Gegenteil. Das Triemli ist mit knapp 500 Betten, knapp 2000 Vollzeitstellen und rund 750 Auszubildenden ein «Gigant». Wir aber haben wirklich das sehr gute Gefühl, dass P. nicht nur eine Nummer ist: alle gehen sehr individuell auf sie (uns) ein und nehmen sich alle Zeit, die es braucht.

Und es kommt noch besser: PET-CT ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern wird Tatsache! Diese Diagnose wird vor der Thearpie benötigt, um die Bestrahlung/Chemo gezielter steuern und planen zu können. Durch das PET-CT wird sichtbar werden, ob und wo noch weitere Krebszellen (im makroskopischen Bereich) im Körper wären. Nebst all diesen positiven Informationen, haben P. und ich Angst, dass der Befund nach dem PET-CT wiederum ein schlechter sein könnte, dass es noch weitere Karzinome in P.s Körper gibt. Wir schlafen in dieser Nacht – einmal mehr – sehr schlecht. Schlecht?So gut wie gar nicht.

Montag, 24. März 2014

Das PET-CT wird bei einem spezialisierten Institut durchgeführt: MRI Stadelhofen. PET-CT? Radioaktives Material wird gespritzt? MRI? Röhre? «Rund zwei Stunden». Als wir am Morgen beim Stadelhofen sind, sind wir beide nervös, möchten möglichst schnell und genau wissen, was auf P. zukommt. Wir werden bestens informiert: Es dauere alles in allem knapp zwei Stunden, zuerst werde P. eine radioaktives Substanz gespritzt, dann müsse sie 1 Stunde in absoluter Ruhe warten, bis sich diese im Körper verteilt habe. Danach werde die PET-CT-Untersuchung «in der Röhre» gemacht. Danach sei alles überstanden.

Ich versuche, mich abzulenken. Stöbere im nahe gelegenen Orell Füssli in Büchern, trinke im Globus einen Kaffee, besichtige den neuen «Sächsilüüteplatz», schlendere durch die Gassen in der näheren Umgebung. Nach einer Stunde aber zieht’s mich zurück: Ich will den Moment nicht verpassen, wenn die Untersuchung fertig ist, möchte P. nicht unnötig warten lassen. Ich sitze im Wartezimmer, lese Zeitungen und Zeitschriften, versuche, geduldig zu bleiben. Nach etwa 2 ½ Stunden fragen ich an der Réception nach, ob mit meiner Frau alles in Ordnung sei. Sie rufe «unten» an (MRI, CT & Co. befinden sich fast immer im Keller). «Ist Frau W. schon fertig? Ihr Mann wartet auf sie. Ah. Gut, danke.» P. sei fertig und warte auf die Besprechung mit dem Radiologen. Ich dürfe selbstverständlich runter zu ihr.

Was für eine freudige Überraschung! Wie uns Dr. K. am Freitag gesagt hat, würden am Montag nur die Aufnahmen gemacht, das Resultat würde er uns dann am Dienstag bekannt geben und erläutern. Jetzt aber bekommen wir schon heute Bescheid. Jipppiii! Der verantwortliche Arzt zeigt uns die Bilder des PET-CT und erklärt uns alles.

PET-CT

Ich frage konkret nach: «Wenn ich Sie richtig verstehe, gibt es einen Lymphknoten, der auffällig ist. Dieses in sich zusammengefallene Karzinom aber könne mit der Bestrahlung zerstört werden. Und sonst haben sie keinen Krebs mehr gefunden?» «Ja. Genau so ist es.» sagt der Arzt. P. und ich fallen uns in die Arme, Tränen laufen. Endlich, endlich, endlich mal wieder ein guter Bescheid! Und wir müssen nicht bis zur morgigen Besprechung warten – wir wissen es schon heute! Ich schreibe noch im Ausgang des MRI-Zentrums ein WhatsApp an unsere Tochter, danach eine Handvoll SMS an die Familie. Müde, aber glücklich und zuversichtlich fahren wir nach Hause.

Dienstag, 25. März 2014

14:00 Uhr, Besprechung im Triemli bei Dr. K. Er zeigt und erklärt uns die PET-CT-Bilder. Den auffälligen Lymphknoten habe er mit drei Radiologen angeschaut und eingehend besprochen. Sie seien zum eindeutigen Schluss gekommen, dass auch dort keine Krebszellen seien, es sei lediglich eine post-operative Entzündung. Gestern ein sehr guter Bescheid, heute ein noch besserer! Wir schöpfen zum ersten Mal Hoffnung. Alles wird gut!

Noch heute, im Anschluss an die Besprechung erfolge ein CT zur Vermessung, um die Bestrahlung ganz gezielt und richtig dosiert vornehmen zu können. Das Bestrahlungsprogramm werde anschliessend mehrfach an einem mit Sensoren bestückten Phantom ausgetestet, kontrolliert und angepasst. Das dauere rund 10 Tage. Der Start für die Bestrahlungs-/Chemo-Therapie ist am Montag, 7. April! Noch knapp zwei Wochen, dann geht’s auch den letzten allfällig noch vorhandenen Krebszellen an den Kragen!

Das von Dr. K. angekündigte Vermessungs-CT dauert keine Stunde. Dabei wurde P. ausgemessen und es wurden neun Fixpunkte mit Kreuzen und Strichen auf der Haut markiert (anhand dieser wird meine P. künftig bei jeder Bestrahlung ausgerichtet und positioniert).

Wir fahren nach Hause. Glücklich, dass der Bescheid sogar noch besser ist als jener von gestern. Hat diese schlimme, belastende Zeit bald ein Ende? Wir sind zuversichtlich. Alles wird gut! Alles wird gut!

Am 7. April wird P. ins Triemli einrücken, am Vormittag die erste Chemo-Infusion, am Nachmittag die erste Bestrahlung bekommen. Sie wird einen Tag im Spital bleiben, um zu sehen, wie sie auf Chemo und Bestrahlung reagiert.

Unser Programm für die kommenden sechs Wochen: täglich von Montag bis Freitag Bestrahlung, am Dienstag jeweils zudem die Chemo-Infusion. Unser Leben orientiert sich nun an einem vorgegebenen Plan.


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