Eine Darmspiegelung (mit positiven Bescheid), das Schneesportlager unserer Tochter in St. Moritz über, eine happige Operation und ein längerer Spitalaufenthalt – so kurz der Februar auch ist, er bietet uns eine grosse Programmvielfalt. Und am Ende das lange Warten auf den Befund.

Freitag, 14. Februar 2014 – Darmspiegelung

Als wäre es nicht schon genug mit dem Karzinom, stand heute auch die Darmspiegelung bei P. an. Diese sollten sie und ihre beiden Schwestern prophylaktisch alle 5 Jahre machen, da sie potenziell gefährdet sind (ihr Vater ist kurz vor der Geburt unserer Tochter an Darmkrebs gestorben).

Das Unangenehme dabei: vor der Spiegelung muss der Darm durch Trinken einer fürchterlich bitteren Flüssigkeit entleert werden; eine unangenehme Prozedur über zwei Tage. Die Untersuchung erfolgt unter Vollnarkose und ist deshalb nicht mal halb so schlimm.

Das Gute: der Arzt kann unmittelbar nach der Untersuchung sagen, was der Befund ist. Und das noch viel bessere: «Keine Auffälligkeiten, alles ist in Ordnung!»

Wir sind happy, dass wir wenigstens diese zusätzliche Belastung als geschafft abhaken können.

Emotionales Highspeed-Karussell

Eine ganz komische Erfahrung, die wir in dieser Zeit machen: manchmal leben wir einen ganz normalen Alltag (zum Glück!). Dann tauchen innert Sekunden sehr starke Emotionen auf – ein Cocktail aus Angst, Verzweiflung und Überforderung. Aus dem Hinterhalt quasi, schrecklich. Aber wir gewöhnen uns in einer gewissen Weise daran.

Die Emotionen sind sehr intensiv, die Gedanken drehen wie auf einem Highspeed-Karussell: Was, wenn die Diagnose nach der OP wieder schlecht ist? Was, wenn dieser Krebs nicht mehr zu besiegen ist? Was, wenn die OP nicht gut verläuft? Was, wenn Chemo oder Bestrahlung auch nichts bringen? Was …?

Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten geben kann. Nicht jetzt. Später. Schritt für Schritt. Vielleicht. Hoffentlich.

Ja, positiv denken! Das sagen uns viele und hoffen mit uns. Aber das fällt mir in dieser Situation nicht immer leicht. Manchmal ist die Angst einfach stärker. Die Angst, dass wir P. nicht mehr hätten. Dass N. ihre Mutter nicht mehr hätte, dass ich nach bald 25 Jahren meine Frau nicht mehr hätte. P. und ich können uns jederzeit auf einander verlassen. Das gibt Sicherheit und Ruhe. Wir sind in der Erziehung/Begleitung unserer Tochter ein Dream-Team, ergänzen und nivellieren uns gegenseitig – Konsequenz (mein Territorium) vs. «S’Füfi grad lah sy» (P.’s Haupttärke). Ich habe Angst, dass, wenn wir P. nicht mehr hätten, N. zu viel von meiner Seite mitnehmen würde auf ihren Weg und sich damit – wie ihr Vater – dann und wann selber im Weg stehen könnte. Unsere Tochter ist ein phantastische Mensch; auch deshalb, weil sie eine tolle Mischung von uns beiden ist.

Plötzlich laufen wieder die Tränen. Auch vor P. und N. Ich schäme mich nicht dafür und ich weiss, dass beide sehen, dass es auch mir nicht gut geht. Und trotzdem möchte ich sie nicht noch mehr belasten. Und schliesslich habe ich mehr Erfahrung – schon als kleines Kind musste und konnte ich wirklich schwierige Situationen selbst bewältigen und meistern.

Trotz allem läuft unser Alltag einigermassen normal. Nur schlafen wir alle drei nicht so gut und sind entsprechend müde. Was auch verständlich ist. Unsere N. ist allerdings schon ein paar Mal nach der Schule auf ihrem Bett eingeschlafen – das gab’s noch nie. Ja, das ist verständlich und nein, das ist nicht schlimm. Und dennoch plagen mich Sorgen auch wenn ich verstehe, dass sie sehr leidet, diesen Weg aber bis zu einem gewissen Grad auch auf ihre eigene Art durchstehen muss. «Wann laufen lassen, wann unterstützen, wann abnehmen?» Alles andere als eine einfache Frage!

Die kommenden Tage werden speziell werden: N. wird mit ihrer Schule für eine Woche im Schneesportlager sein und P. wird für die zweite Operation in Zürich in die Klinik im Park sein. Dann sind wir drei für ein paar Tage getrennt – jeder an einem anderen Ort. In einer Zeit, in der wir uns eigentlich ganz nah bräuchten.

Ich habe ein ziemlich gutes Gefühl, bin zuversichtlich. Vielleicht tut es uns auch mal ganz gut. Natürlich hoffen wir, dass die OP gut verlaufen wird (und vor allem der Befund etwa 10 Tage danach gut ist) – das ist jetzt das Wichtigste. Wir als Eltern hoffen aber auch, dass unsere Tochter das Lager mit ihren Freundinnen und Kollegen von A bis Z geniessen und zumindest mehrheitlich glücklich und unbeschwert sein kann – so wie Kinder es sein sollen. Dann sind auch wir als Eltern glücklich :-) Am kommenden Samstag kommen dann N. (hoffentlich glücklich) und ein paar Tage später P. (hoffentlich mit gut überstandener OP) wieder nach Hause.

Ich habe ein gutes Gefühl, dass wir die kommende Zeit gut meistern werden. Wenn alle, die an uns denken uns die Daumen drücken, dann kommt’s gut!

Die zweite Operation, der zweite Befund

Samstag, 22. Februar 2014

Nachdem wir alle den Packstress unserer Tochter überstanden haben, fahren wir N. zur Kantonsschule, wo der Reisecar bereit schon steht und ihre Freundinnen warten. Wir verabschieden uns innig und freue uns für sie: eine Woche möglichst viel Spass mit ihren Freundinnen und Kollegen. Meine Frau, die sehr grosse Angst hat, dass sie die Operation nicht überstehen würde, zerreist’s beinahe. Den Gedanken, dass das letzte Mal gewesen sein könnte, wo sie ihre Tochter geküsst und gedrückt haben könnte, kann sie leider nicht verdrängen. Unvorstellbar …!

Montag, 24. Februar 2014

Wir sind nicht praktizierende Christen. Aber P. möchte vor der Operation zu einem Heilpraktiker, der für sie betet und ihr Kräfte gibt. Dass die Operation gut verlaufe, dass der Befund danach gut sein würde. Sie fährt mit ihrer Mutter hin, lässt sich segnen, kauft eine gesegnete Kerze. Von ihrer Mutter erhält sie gesegnete «Zeichen», die sie unter die Matratzen legen solle. Die Frage, ob es etwas helfe oder nur Hokuspokus sei, ist im Moment für uns ohne Bedeutung: Egal, was es ist, wenn es P. hilft – psychisch oder physisch –, dann ist es gut.

Mittwoch, 26. Februar 2014

Der wohl wichtigste Tag seit November: Der Tag der Operation, in der Gebärmutter, Eierstöcke und rund die Hälfte Lymphknoten entfernt werden. In der Hoffnung, damit allfällige weitere Krebszellen zu entfernen. Ein Tag, der uns in den letzten Tagen enorm beschäftigt hat in einem Gewirr aus extremen Gedanken zwischen «Das ist der letzte, notwendige Schritt, dass P. wieder gesund ist.» und «Was, wenn ich die Operation nicht überlebe?» Furchtbar! Ganz furchtbar!

Als ich am Morgen mit P. in die Klink fahre, sind wir zwar angespannt, aber beide doch erstaunlich ruhig. Irgendwie haben wir in der vergangenen, fast schlaflosen Nacht die Gedanken kanalisieren und Zuversicht gewinnen können. «Es chunt guet!»
Während dem die Gästebetreuerin (ja, das gibt’s!) meiner Frau das Zimmer zeigt und erklärt, räume ich ihren Koffer aus. Danach erfolgt das übliche Prozedere mit Eintrittsuntersuchungen, Besprechung mit dem Anästhesie-Arzt, Besuch der Mitarbeiterin der Hotellerie (ja, das gibt’s auch!) für die Bestellung des Abendessens, Einloggen ins WLAN des Spital, Ausfüllen von Fragebogen usw. usf. Vieles zu tun, vieles zu beantworten, vieles zu verstehen. Und das ist gut so: die Zeit bis die Vorbereitung zur OP vergeht so sehr schnell.

P. zieht sich chic an für die Operation (sprich: sie zieht das fürchterlich-praktische Spitalhemd an), versorgt Schmuck im Minitresor. Dann dreht sie mit einem herzlichen Lachen eine Pirouette im Nachthemd, ich mache ein Foto und schicke es unserer Tochter :-) Meine Frau ist eine tolle, starke Frau! Danach legt sie sich ins Bett und nimmt die Tabletten zur Beruhigung und zum Einschlafen. Diese wirken perfekt: Wir reden über lustige Dinge, lachen und P. schläft immer wieder ein. Sie liegt da, mit einem entspannten Lächeln. Ich schau sie einfach nur an, streichle ihre Hand, ihre Wangen und bin glücklich. Und gleichzeitig laufen mir die Tränen runter – was würden wir nur tun ohne sie …! Um 11:45 wird P. für die OP abgeholt, ich wecke sie und wir drücken uns innig. «Bis später!», sage ich. Ich bin sicher: Es wird jetzt alles wieder gut! Und ich habe Angst, eine Riesenangst!

Ich weiss, dass die Operation zwei bis drei Stunden oder sogar noch länger dauern kann, aber das Warten auf P.s Anruf ist kaum mehr zu ertragen. Überraschender- und erfreulicherweise bekomme ich bereits unmittelbar nach der Operation zwei Anrufe: zuerst vom Anästhesie-Arzt, dann vom operierenden Gynäkologen. Die Operation sei gut verlaufen, P. gehe es gut, sie sei jetzt im Aufwachraum. Um ca. 17:30 Uhr ruft auch P. an. Noch benebelt, lallend, aber schon einigermassen wach. Und erzählt lachend, dass sie dem Anästhesisten offenbar von unseren Florida-Ferien erzählt habe :-) Sie sei im Moment zwar schmerzfrei, aber völlig geschafft. Ich solle deshalb nicht mehr vorbeikommen – sie würde dann ja sowieso nur schlafen. Wir vereinbaren aber, dass ich in ein paar Stunden anrufen werde, um ihr eine gute Nacht zu wünschen.

Als erstes rufe ich unsere Tochter an und erzähle ihr die guten Nachrichten. Und bitte sie, ab jetzt das Skilager ohne Wenn und Aber zu geniessen, das Gröbste sei jetzt überstanden! (Kurze Zeit später meldet sie per WhatsApp: «han mit em mami telefoniert. sie isch nochli durenand, wie betrunke :-D») Ich rufe meine Schwiegermutter an und schicke meinen Schwägerinnen und unseren Neffen eine WhatsApp-Nachricht. Alles wird gut!

Donnerstag/Freitag, 27./28. Februar 2014

Die letzten Tage im Februar sind geprägt durch den Spitalaufenthalt und die zu erwartenden Beschwerden nach dieser doch happigen Operation. Ihre Schmerzen seien einigermassen erträglich, sagt P. Die PDA tut noch immer ihren Dienst, muss aber am Freitag entfernt werden. Ansonsten hat P. die üblichen OP-Nachbeschwerden, ist aber tapfer. «Da muss ich jetzt durch, danach bin ich wieder gesund!»


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