… ist eine (vielleicht sogar die) klassische Frage in einem Bewerbungsgespräch. Jede(r) weiss, dass diese Frage im Interview kommen wird und fast jede(r) befürchet, hier ins Straucheln zu kommen. Warum?

  • Geprägt durch unsere (Geschäfts-)Kultur gehen wir davon aus, dass Stärken gut und Schwächen schlecht sind. Das ist natürlich grundsätzlich richtig.
  • In der Folge gehen wir im Einstellungsgespräch davon aus, dass wir die Stelle z.B. wegen unserer Kompetenzen erhalten, bzw. sie nicht erhalten, weil wir Schwächen haben. Das ist aber nur bedingt richtig: wenn uns eine Kernkompetenz, die im neuen Job gefordert ist, fehlt, dann werden wir sicher keine Zusage erhalten – klar. Wenn wir aber etwas nicht oder nicht besonders gut können, diese Fähigkeit aber für den Job gar nicht gefragt ist, kann’s durchaus klappen.
  • Eine Volksweisheit sagt: „Aus Fehlern wird man klug.“ – das ist ebenso richtig. Fehler sind immer auch kleine Krisen. Und Krise bedeutet Irritation, Orientierungslosigkeit, Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und vieles mehr. Aber Krise bedeutet immer auch Entwicklung!
  • Es ist vergebliche Müh‘, sich seine Schwächen abtrainieren zu wollen (siehe auch Stärken und Schwächen). Entscheidend ist nämlich, a) dass man seine Schwächen (er-)kennt und b) was man aus dieser Erkenntnis macht – wie man also die Chance zur eigenen Weiterentwicklung nutzt.

Die Frage nach Ihren Schwächen ist also in Wirklichkeit die Frage nach Ihrem Umgang mit den Schwächen. Ob Sie diese überhaupt erkennen, ob Sie Strategien entwickelt haben, um die Auswirkungen zu minimieren und ob sich Ihr adaptiertes Verhalten in Ihrem Joballtag bewährt.

Ein konkretes Beispiel:
X ist ein überdurchschnittlich engagierter Mitarbeiter, er ist stets „mit Herzblut dabei“. Ab und zu kommt es aber vor, dass trotz seines Einsatzes etwas misslingt. Und das frustriert ihn derart, dass seine Motivation sich nullkommaplötzlich in eine tiefe Lustlosigkeit verwandelt. Und in diesem Tief hängt er dann stunden- oder sogar tagelang. Das ist eine Schwäche, keine Frage. Nun hat X aber (mit der Hilfe eines Coachs?) eine clevere Handlungsalternative entwickelt: immer dann, wenn seine Motivation in Frustration umschlägt, zieht er für eine gewisse Zeit eine andere, einfach zu bewältigende Aufgabe vor. Dort holt er sich das Erfolgserlebnis und nutzt dieses positive Gefühl, um sich wieder mit dem altbekannten Elan an die ursprüngliche Aufgabe zu machen.
Im Bewerbungsinterview würde er also sagen: „Mein grosses Engagement ist eine meiner Stärken. Es kann aber manchmal auch zu einer Schwäche werden, wenn mir ein kleiner Misserfolg fast die ganze Energie zum Weiterarbeiten raubt. Als ich das realisiert habe, habe ich eine neue Strategie entwickelt: in solchen Situationen packe ich vorübergehend eine andere Aufgabe an und nutze das Erfolgsgefühl aus dieser Arbeit, um mich wieder voller Energie an die ursprüngliche Aufgabe zu machen. Das hat zwei positive Effekte: aus meinem vorübergehenden ‚Durchhänger‘ kann ich mich selbst schon nach kurzer Zeit wieder herausholen und gleichzeitig habe ich – fast nebenbei – eine andere Aufgabe erledigt.“

Brilliant, oder?

Wenn Sie sich also über Ihre Schwächen Gedanken machen und Erfolg versprechende Handlungsalternativen entwickeln, dann haben Sie einen weiteren Trumpf in der Hand und werden diese Klippe im Bewerbungsgespräch souverän meistern – und wären womöglich enttäuscht, wenn die Frage nicht gestellt würde ;-)

Erzählen Sie doch mal von Ihren Schwächen …
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10 Gedanken zu „Erzählen Sie doch mal von Ihren Schwächen …

  • 20. November 2005 um 16:22
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    das ist immer mein Lieblingsthema. Und da bin ich dann immer ganz offen. Da kann man sich ganz viel Aerger vom Hals halten.

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  • 20. November 2005 um 16:26
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    … und verhindern, dass man den falschen Job bekommt (nämlich den, der nicht zu einem passt)!

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  • Pingback: Blog.JobScout24 » Wie siehts eigentlich mit Ihren Schwächen aus….?

  • 23. November 2005 um 12:01
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    sorry für den falschen Namen, wird nicht wieder vorkommen ;-)

    Der Grundgedanke ist brilliant: eine brisante Frage aufnehmen, eine interessante Antwort formulieren und damit punkten. Trotzdem würde ich auch einen Bewerber verstehen, der über diese Art der Fragerei keine Auskunft geben möchte.
    Im Grunde ist ein Bewerbungsgespräch ein Verkaufsgespräch – für die eigene Arbeitskraft. Und da sollte man sich in möglichst positives Licht rücken. Wenn der Bewerber -mittlerweile Angestellter einer Firma – bei einem Kunden über seine Schwächen, oder aber über mögliche Schwächen des Produkts Auskunft gibt, wäre das sicherlich vom Chef weniger gerne gesehen. Und der Kunde würde vermutlich auch verwundert drein schauen.
    Es ist klar, dass kein Personalchef die „Katze im Sack“ kaufen will, weshalb er natürlich versucht, so viel wie möglich über den Kandidaten heraus zu finden. Trotzdem verstehe ich diejenigen, die lieber ihre Stärken betonen, als ihre Schwächen zu offenbaren.

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  • 23. November 2005 um 12:12
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    Im Grunde ist ein Bewerbungsgespräch ein Verkaufsgespräch

    Absolut richtig. Aber: ein langfristig erfolgreicher Verkäufer gibt auch Auskunft darüber, was sein Produkt nicht kann und zeigt dann auf, wie das Problem trotzdem gelöst werden kann.

    Trotzdem verstehe ich diejenigen, die lieber ihre Stärken betonen, als ihre Schwächen zu offenbaren.

    Verstehen tu‘ ichs auch, nur ändert das nichts an der Tatsache, dass dies nicht zu einer anhaltenden Arbeitspartnerschaft führt, wenn die Schwächen nicht thematisiert werden. Wenn beispielsweise die (Persönlichkeits-)Kompetenz „Flexibilität“ in der Position entscheind ist, dies aber im Bewerbungsgespräch nicht besprochen wird, dann resultiert daraus für beide Seiten eine unglückliche Lösung: a) für den Arbeitgeber (er hat den falschen Stelleninhaber) und b) für den Arbeitnehmer (er hat die falsche Stelle). Fatal!

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  • 28. Juni 2007 um 14:32
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    Hatte gestern ein Vorstellungsgespräch bei einem Stellenvermittlungsbüro. Als ich eine ähnliche Antwort wie oben gab, es trifft tatsächlich auf mich zu, schaute mich die Beraterin sehr schräg an.

    Dann gab ich an, dass ich manchmal ein „Tüpflischeisser“ sein kann und immer alles korrekt haben möchte. Kam doch tatsächlich die Gegenfrage, ob ich dies auch von meinen Mitarbeitern verlangen würde. Hatte damit gerechnet und darauf geantwortet, dass dies schön wäre, aber dass es nicht in meiner Kompetenz läge, dies zu kontrollieren…

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  • 28. Juni 2007 um 21:13
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    @ Patrick

    Nun, wenn es wirklich so ist, dass Sie „alles immer“ korrekt haben möchten, dann ist das so (ob „immer alles“ in allen Situationen der richtige Ansatz ist, bleibe jetzt mal dahingestellt). Das braucht auf der anderen Seite – der Unternehmensseite – ein Umfeld, in dem das zur Kultur gehört, in dem das als positive Eigenschaft gewertet wird.

    Es war vielleicht nicht die Eigenschaft, die die Beraterin gesucht hat (für das spezifische Umfeld). Aber es war die richtige Antwort. Denn wenn Sie deswegen dort nicht hinein passen, gibt’s keine gute Lösung.

    Oder anders gesagt: Ob eine Eigenschaft „gut“ oder „schlecht“ ist, ist sekundär. In erster Linie kommt es darauf an, dass sie passt!

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  • 15. Juni 2008 um 23:54
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    Frage: findet man in der heutigen Berufswelt überhaupt noch Jobs, in denen so etwas wie „mit Herzblut dabei“ noch gefragt ist? Habe mal bei einer Grossbank gearbeitet und musste sehr schnell feststellen, dass man dann als aufdringlich oder dreist gilt, wenn man Projekte mit grossem Elan vorantreibt.
    Mittlerweile suche ich eine neue Stelle, bin dabei aber – trotz guter Konjunktur – erfolglos. Ist wirklich dumm, dass engagierte Arbeitskräfte in der heutigen Zeit nicht mehr gefragt sind.
    Genannte Eigenschaft müsste eigentlich gezielt gesucht werden, wird’s aber nicht. Als mögliche Alternative bleibt da wohl nur der Sozialstaat ;-(

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