Berufliche Entwicklung: bleiben oder gehen?

Das Aufräumen auf der Festplatte bringt Platz. Und fördert manchmal kleine Schätze wieder ans Tageslicht. So auch diesen Artikel, den ich vor gut einem Jahr für eine Zeitung geschrieben habe (der aber aus Platzgründen nicht veröffentlicht wurde).

Berufliche Veränderung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

Bleiben oder gehen?

Unzufriedenheit mit der aktuellen Aufgabe, gekoppelt mit den Risiken eines Stellenwechsels – ein Dilemma. Mit einer Standortbestimmung, dem Wissen um die eigenen Ziele und einer realistischen Bewertung der Möglichkeiten fällt es leicht, den richtigen Entscheid zu treffen.

Unzufriedenheit mit den Perspektiven, fehlende Motivation, Angst vor dem Stellenverlust, finanzielle Überlegungen usw. Es gibt viele gute Gründe, sich mit der eigenen beruflichen Veränderung zu beschäftigen.

Bei den einen kommt der Impuls dazu ganz plötzlich, bei anderen ist es längerer Prozess. Aber irgendwann ist klar: „So soll es nicht weiter gehen!“ – eine wichtige Erkenntnis, aber nicht die Lösung. Jetzt geht es darum, der (Ur-)Sache auf den Grund zu gehen, neue Auswahlmöglichkeiten zu schaffen, diese zu bewerten und schliesslich zu entscheiden und zu handeln.

Viele Einflussfaktoren sind zu berücksichtigen und nicht alle sind von vornherein klar. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was will ich?“ und „Wo will ich hin?“ wichtig. Sonst besteht die Gefahr, dass die berufliche Entwicklungsreise zum Flop wird.

Wer bin ich?

Der erste Schritt ist ein Inventar Ihrer persönlichen Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen. Ohne eine Standortbestimmung hätte Ihre berufliche Veränderung eher mit einem Glücksspiel zu tun als mit einer gezielten Reise zur beruflichen Zufriedenheit.

  • Fachkompetenz: Welches Wissen haben Sie sich in der Aus- und Weiterbildungen angeeignet? Welche Erfahrungen haben Sie in den bisherigen Berufsjahren sammeln können? In welchen Fachgebieten sind Sie besonders qualifiziert?
  • Methodenkompetenz: Wie steht es um Ihre konzeptionellen und analytischen Fähigkeiten? Wie stark sind Sie darin, komplexe Themen zu vermitteln, Aussagen auf den Punkt zu bringen? Wie gut können Sie Prioritäten zu setzen?
  • Sozialkompetenz: Wie gross ist Ihre Bereitschaft, Leistung in einem Team zu erbringen? Wie steht es um Ihre Offenheit gegenüber anderen Meinungen, um Ihre Toleranz? Über welche Führungskompetenzen verfügen Sie?
  • Persönlichkeitskompetenz: Wie gut können Sie sich in schwierigen Situationen motivieren? Wie hoch ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen? Wie offen sind Sie für Neues, für Ungewohntes? Wie steht es mit Ihrer Selbstständigkeit?

Es ist nicht entscheidend, ob Sie künftig alle Kompetenzen nutzen können: wichtig ist, dass Sie sich über Ihre Stärken und Schwächen im Klaren sind!

Was will ich?

Im zweiten Schritt geht es um die beruflichen Ziele, Ihre persönliche Vision. Was wollen Sie erreichen, wo wollen Sie Spuren hinterlassen? Alles ist erlaubt und alles ist denkbar – hier gibt es keine Tabus.

Machen Sie sich vorab Gedanken, in welche Richtung sich Ihre Karriere entwickeln soll:

  • in einer Linienlaufbahn, in der Sie Ihre Führungsstärke einbringen können,
  • in einer Fachkarriere, in der Sie Ihr fachliches Know-how einsetzen oder
  • als Projektspezialist, der sich durch Flexibilität und Zielstrebigkeit auszeichnet.

Welche Motive leiten Sie bei Ihrem beruflichen Tun? Ist Ihnen die (verbale) Anerkennung Ihrer Arbeit oder ein möglichst hohes Einkommen wichtig? Wollen Sie Ihre beruflichen Tätigkeit auf Ihre Ideale ausrichten? Ist für Sie ein grosser Entscheidungsfreiraum von Bedeutung? Oder ist es für Sie besonders reizvoll, viele Kontakte und Beziehungen pflegen zu können?

Ebenso wichtig ist die Analyse Ihrer persönlichen Vorlieben. Reizt Sie die Arbeit mit Gegenständen und Materialien eher als die Beschäftigung mit Informationen? Bevorzugen Sie eine Arbeit, bei der eher Ihre kreativen Fähigkeiten gefordert sind? Mögen Sie eher ein „hemdsärmliges“ oder bevorzugen Sie ein intellektuell geprägtes Umfeld?

Was wollen Sie erreichen – welche Ergebnisse wollen Sie in Ihrem Berufsleben erzielen? Möchten Sie Ihr Know-how einsetzen, um Produkte von höchster Qualität auf den Markt zu bringen? Wollen Sie eine neuartige Dienstleistung anbieten, die das Leben der Menschen angenehmer machen wird? Oder wollen Sie sich dafür engagieren, dass sich die Arbeitszufriedenheit langfristig verbessert?

Für Ihre berufliche Weiterentwicklung ist es entscheidend, dass Sie sich bewusst sind, was Sie erreichen wollen!

Wo will ich hin?

Der dritte und letzte Schritt: Finden Sie Alternativen zum heutigen Berufsumfeld. Wo könnten Sie Ihr Wissen, Ihre Erfahrung und Ihre persönlichen Stärken am besten einsetzen? Wo hätten Sie die Gewissheit, dass Sie Ihre berufliche Vision verwirklichen könnten?

Überlegen Sie mit Hilfe Ihrer Standortbestimmung, in welchen Aufgabengebieten, in welchen Branchen und in welchen Unternehmen Ihre Fähigkeiten gesucht sind und genutzt werden können. Wo würden sich Ihnen neue Möglichkeiten eröffnen, weil Sie dort aus dem Vollen schöpfen könnten? Wo wären Sie eine gefragte Frau, ein gefragter Mann?

Nutzen Sie alle denkbaren Quellen, um an möglichst viele Informationen zu kommen. Nutzen Sie Ihr Beziehungsnetz, um Ihre Ziele auf Machbarkeit zu überprüfen. Suchen und finden Sie das Terrain, auf dem Sie Ihre Vision verwirklichen können. Wo bietet sich Ihnen die Gelegenheit, die angestrebten Ergebnisse erzielen zu können, Ihr Vorhaben erfolgreich umsetzen zu können?
Vergleichen Sie die gesammelten Informationen mit Ihrem persönlichen Anforderungskatalog: hätten Sie am neuen Ort ein realistische Chance, Ihre Bedürfnisse zu befriedigen, Ihre Pläne umsetzen zu können? Wenn Ihre Analyse eine Wahrscheinlichkeit von unter 50% ergibt, sollten Sie Ihre Pläne vorläufig begraben!

Deshalb ist es wichtig, auch Ihre aktuelle Stelle in Ihre Überlegungen einzubeziehen. Es kann durchaus sein, dass Sie im Laufe Ihrer Arbeit an Ihrer beruflichen Zukunft feststellen werden, dass das jetzige Umfeld durchaus eine attraktive Lösung für Sie sein kann.
Ob Sie sich nun für „Ich gehe!“ oder „Ich bleibe!“ entscheiden, ist nicht so wichtig. Die intensive Auseinandersetzung mit Ihren beruflichen Veränderungsplänen hat sich auf jeden Fall gelohnt: Sie haben sich damit ein wertvolles Fundament für Ihre berufliche Entwicklung gelegt!

4 Antworten auf „Berufliche Entwicklung: bleiben oder gehen?“

  1. Ein lesenswerter Artikel. Ich hoffe nur, dass sich jeder bei einem geplanten Stellenwechsel diese Mühe macht, denn oft wird doch sehr spontan entschieden und dies muss nicht immer richtig sein.
    Obwohl ich auch im nachhinein betrachtet, keinen meiner eigenen Wechsel bereue, auch wenn ich mir nicht so dezidiert Gedanken gemacht habe.

  2. Ich habe mich zum gehen entschieden. Werde mir deinen Beitrag aber noch in Ruhe zu Gemüte führen, denn ich denke die persönliche Planung ist jetzt vor dem Beginn der neuen Stelle ein sehr wichtiger Punkt.

  3. Eine Planung ist dann gut, wenn sie den Blick nicht einengt. Das viel gepriesene Fokussieren auf ein Ziel kann auch verhindern, dass man Chancen („Opportunities“) nicht erkennt und wahrnimmt, die sich links und rechts vom Ziel/vom Weg befinden.

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